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Astrologie
Was ist Astrologie?
Astrologie gibt es seit dem Altertum in zwei Erscheinungsformen: Die Eine,
sehr weit verbreitete, dient mehr oder weniger der Unterhaltung. Hierzu
zählen die Horoskopspalten, die aus den meisten Zeitungen und Zeitschriften
nicht mehr wegzudenken sind. Die Zweite ist die professionell betriebene
astrologische Beratung, die meist von Menschen gesucht wird, die sich in
irgendeiner Weise in einer Lebenskrise befinden.
In diesem ersten Text soll es um die bekannteste Form der Astrologie gehen,
die ich gern Zuckerwürfel-Astrologie nenne, weil die Eigenschaften, die zu
den sog. "Sternzeichen" (zur Erläuterung dieses Begriffs siehe weiter unten)
gehören, heutzutage schon auf vielen Verpackungen von Zuckerwürfeln
nachgelesen werden können. Der korrekte Ausdruck für diese Astrologie heißt
aber "Sonnenstands-Astrologie", und was dieser Ausdruck bedeutet, werde ich
in diesem Text erläutern.
Mal ehrlich: Glauben auch Sie, dass man die Menschen in 12 Gruppen einteilen
kann und dass alle Menschen, die zu einer solchen Gruppe gehören (in
Deutschland sind das dann etwa 7 Millionen Menschen!) in einer bestimmten
Woche ähnliches erleben werden? Oder stehen Ihnen bei einer solchen
Behauptung die Haare zu Berge? In vier oder fünf Sätzen wird dort etwas
beschrieben, das auf die eine oder andere Art allein in Deutschland auf 7
Millionen Menschen zutreffen soll?
Die meisten Menschen, die solche Horoskope lesen, glauben das natürlich auch
nicht. Sie lesen ja, wie oben erwähnt, diese Horoskope "zur Unterhaltung".
Meines Erachtens drückt das einen Zwiespalt aus: Man will einerseits
Astrologie nicht wirklich ernst nehmen, macht sie also "nur" zur
Unterhaltung, andererseits kann man aber auch nicht ganz von ihr lassen
(wenn eine Zeitung es wagt, die Horoskopspalten herauszunehmen, hagelt es
Leserproteste).
Im Mittelalter war Astrologie noch viel verbreiteter als heute, und auch im
Mittelalter gab es eine einfache Form der Astrologie: Viele Menschen
wussten, welcher "Stern" (Planet) im Moment ihrer Geburt gerade aufgegangen
war. War es die Venus, dann war das Neugeborene ein Venus-Kind, war es der
Mars, dann war es ein Mars-Kind, und war es der Saturn, dann war es ein
Saturn-Kind. Die einfache Bevölkerung erfuhr durch Holzschnitt-Abbildungen
(die Planetenkinder-Typologie), welche Eigenschaften mit dem jeweiligen
"Planeten" verbunden waren.
Um zu wissen, welcher Planet im Moment der Geburt eines Menschen gerade
aufgegangen war, musste man aber seine Geburtsuhrzeit (zumindest die
Tageszeit) kennen, denn ein Planet bewegt sich genau so schnell am Himmel
wie die Sonne, die etwa 6 Stunden nach Sonnenaufgang, zur Mittagszeit,
bereits im Zenit steht. Selbst die einfache Planetenkinder-Typologie
verlangte also einen durchaus ernsthaften Umgang mit der Astrologie, und
dazu waren die Menschen auch bereit, weil sie nicht, wie der moderne
Mensche, der Astrologie zwiespältig gegenüberstanden: Die vornehmeren
Familien achteten bei der Geburt eines Kindes durchaus darauf, um welche
Tageszeit das Kind geboren wurde, und man konnte dann in Tabellen, den sog.
Ephemeriden, nachschauen, welcher Planet um die jeweilige Zeit gerade
aufgegangen war. Ganz vornehme Familien hatten einen Haus-Astrologen, der am
Tage der Geburt im voraus berechnete, welcher Planet zu welcher Stunde
aufgehen würde, und es soll Hebammen gegeben haben, die versuchten, die
Geburt ein wenig hinauszuzögern, wenn Saturn gerade aufging: Sie wollten
verhindern, dass das Neugeborene ein Saturn-Kind wird, weil der Planet
Saturn im Mittelalter bei den einfachen Menschen als ein "Unheilbringer"
galt.
Im Zuge der Aufklärung verlor die Astrologie immer mehr an Bedeutung, und
die Menschen achteten nicht mehr auf die Planetenkinder-Typologie.
Als in den 20er Jahren dieses Jahrhunderts ein englischer Zeitungsverleger
durch die Veröffentlichung einer Vorhersage einer bekannten englischen
Astrologin eine ungewöhnliche Auflagensteigerung erlebte, begann das
Zeitalter der Horoskopspalten. Die aus dem Mittelalter bekannte
Planetenkinder-Typologie eignete sich für ein Massenmedium allerdings ganz
und gar nicht. Wer weiß schon seine Geburtszeit? Und selbst wenn er sie
wüsste: An jedem Tag gehen die einzelnen Planeten zu ganz unterschiedlichen
Zeiten auf. Welches Planetenkind ein Mensch also ist, kann man nur
herausfinden, wenn man den Geburtstag, das Geburtsjahr, die Geburtszeit und
den Ort der Geburt kennt (die Sonne geht ja auch in Aachen zu einer anderen
Zeit auf als in Berlin). Natürlich konnte man aber nicht für alle Leser
individuell ihr Horoskop berechnen lassen. Andererseits musste jeder Leser
das Gefühl haben, dass etwas Individuelles, etwas s"peziell für ihn" in dem
Zeitungshoroskop zu finden war. So entstand die sog.
"Sonnenstands-Astrologie": Um zu wissen, wo die Sonne im Augenblick der
Geburt stand, muss man nur seinen Geburtstag kennen, da die Sonne jedes Jahr
am selben Tag etwa in demselben Sternbild steht. Ihren Geburtstag kennen die
Leute, und so war die "Sonnenstands-Astrologie" bzw. die
"Sternzeichen-Astrologie" geboren.
Der Name Horoskop wurde beibehalten, obwohl das ein Unsinn ist, denn
Horo-skop kommt von den zwei griechischen Worten hora (Stunde) und skopein
(schauen): Das Horoskop sagt also, wie zu einer bestimmten Stunde die Sterne
stehen, und nicht in einem bestimmten Monat ...
Bei dem Wort Sternzeichen sträuben sich einem gestandenen Astrologen
übrigens die Haare zu Berge, denn es gibt keine Sternzeichen. In der
Astrologie kennt man nur Sternbilder und Tierkreiszeichen. Was der
Unterschied zwischen diesen beiden ist, können Sie hier nachlesen:
http://www.astrologiezentrum.de/onlinetexte/einfuehrung/3_5kapitel.html
. Hier nur soviel: Astrologen arbeiten mit Tierkreiszeichen und das sog.
Horoskop ist eigentlich nur eine Grafik, in die eingetragen wird, in welchen
Tierkreiszeichen sich die Planeten im Moment der Geburt eines Menschen
befunden haben. Die Sonnenstands-Astrologie nun interessiert sich von allen
Planeten nur dafür, in welchem Tierkreiszeichen die Sonne gestanden hat
(weil das einfach über den Geburtstag zu ermitteln ist), und so prägte man
für das Tierkreiszeichen, in dem die Sonne sich im Jahreslauf gerade
befindet, das Kunstwort Sternzeichen, das fest im Volksmund verankert ist,
und es gibt sogar Astrologen, die statt von Tierkreiszeichen von
Sternzeichen reden.
Was sagt denn nun das Sternzeichen wirklich aus? Was kann man,
ehrlicherweise, davon erwarten?
Stellen Sie sich vor, ein Arzt misst Ihren Blutdruck, und nur Ihren
Blutdruck und sonst nichts (keine Laborwerte - nichts) und stellt dann
aufgrund dieses einen (Blutdruck-) Wertes eine vollständige Diagnose ihres
gesundheitlichen Zustandes. Da würden Sie vermutlich misstrauisch werden.
ähnlich ist es eigentlich bei der sog. Sonnenstands-Astrologie: Man kennt
nur den Stand der Sonne und teilt so die Menschen in 12 Gruppen ein. Wie wir
schon wissen, wird das Horoskop aber auf den Augenblick der Geburt an einem
bestimmten Ort erstellt, und ist damit einzigartig, gehört zu einem ganz
bestimmten Menschen (so individuell wie der Fingerabdruck). Aus den
Sternzeichen eine weit gehende (oder gar vollständige) Diagnose über einen
Menschen abzuleiten, ist genau so unseriös, wie aus dem Blutdruckwert eines
Menschen eine vollständige medizinische Diagnose abzuleiten. Der Sonnenstand
ist einfach ein Faktor aus dem einzigartigen Horoskop eines Menschen, ein
Faktor allerdings, und das zeichnet ihn für die Massenmedien aus, den man
ganz leicht herausfinden kann, wenn man nur weiß, an welchem Tag ein Mensch
Geburtstag hat ...
Zur Ehrenrettung der Sonnenstands-Astrologie könnte man nun einwenden: Aber
ganz bedeutungslos kann er nicht sein! Immerhin ist er ein Faktor, zwar nur
einer, aber ein Faktor des Horoskops ist er doch?
Das ist richtig! Und was wir von diesem einen Faktor erwarten können, will
ich an einem Vergleich zu verdeutlichen versuchen: Stellen Sie sich vor, sie
hätten eine Gruppe von Kindern aus ganz verschiedenen Teilen der Erde zu
betreuen. In einem solchen Fall könnte es sehr hilfreich sein,
kultur-typische Unterschiede in den Eigenheiten der Kinder zu kennen:
Typische Eigenschaften von Kindern aus Japan unterscheiden sich
wahrscheinlich von denen, die Kinder aus Zentral-Afrika zeigen werden, ein
Eskimo-Kind bringt von seiner Kultur her andere Werte und Verhaltenweisen
(und Verletzlichkeiten!) mit als ein ungarisches, ein deutsches oder ein
amerikanisches Kind. Ohne die Kinder individuell zu kennen, kann eine solche
Beschreibung "nationaler Eigenheiten" doch hilfreich sein, sich auf jedes
Kind besser einzustellen.
Ganz offensichtlich jedoch kann eine solche Beschreibung über individuelle
Eigenschaften eines einzelnen Kindes sehr wenig aussagen: Ein einzelnes Kind
kann sogar von der Beschreibung typischer Eigenschaften individuell
beträchtlich abweichen. Deutlich wird dies, wenn Sie zehn Kinder aus
demselben Land zu betreuen haben. Zum Verständnis der unterschiedlichen
Verhaltensweisen einzelner Kinder dieser Gruppe hilft Ihnen dann die Typik
gar nichts mehr, denn sie erfasst ja gerade das, was allen zehn Kindern
gemeinsam ist.
Die Beschreibung der Sonnenzeichen sagt in ähnlicher Weise über einen
Menschen zwar etwas Wichtiges, aber dennoch etwas sehr Allgemeines: Das
Sonnenzeichen kennt eben nur zwölf Typen (!), keine Individuen. Sie dürfen
sich also nicht wundern, wenn die Beschreibungen Ihres "Sternzeichens"
vielleicht gar nicht treffend ist, genau so, wie Sie, obwohl Sie vielleicht
Deutsche/r sind, alles andere als ein/e typische/r Deutsche/r sein könnten
...
Endgültig an ihre Grenzen muss eine solche Typologie natürlich dann stoßen,
wenn, über Charaktereigenheiten hinaus, auch noch konkrete Vorhersagen aus
diesem einzelnen Horoskopfaktor abgeleitet werden. Spätestens da wird alles
zu "Roulette" - und wie man weiß, setzen Menschen dort natürlich durchaus
manchmal auf die richtige Zahl. Und genau so wie es vorkommt, dass man im
Spiel auf die richtige Zahl setzt, kann es auch vorkommen, dass eine auf
diese einfache Art erstellte Vorhersage bei einigen der vielen Zeitungsleser
tatsächlich zutrifft (je allgemeiner sie formuliert ist, umso eher kann sie
natürlich zutreffen ...).
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